Unsettled in Medellín

Eindrücke von meiner ersten Woche

Medellín, die zweitgrößte Stadt in Kolumbien. Südamerika, mitten drin. Es ist großartig: bunt, warm – meist mit einer leichten Brise, die Luft voller würziger und süßer Geschmäcker und Gerüche, rhythmisch, so – pure Lebensfreude. Überall ist Musik zu hören und die Paisas, wie die Einwohnerinnen Medellíns genannt werden, sind meist gut drauf und super hilfsbereit. Nicht nach Hause finden, ist kaum möglich, es hilft dir immer jemand weiter und wenn du, so wie ich, mit peinlich wenig Spanisch unterwegs bist, nehmen sie dich quasi bei der Hand und begleiten dich. So ist es zumindest mir vorgestern ergangen. Und das in einer Stadt, die ich vorher nur mit Gefahr, Mord und Totschlag und Drogen verbunden habe. Versteht mich nicht falsch, klar ist Vorsicht geboten, aber das ist es doch in jeder Großstadt. Mit Menschenverstand und ohne Erbschmuck in Gold von der Großtante oder fetter 2000-Euro-Kamera gut sichtbar um den Hals lebt es sich hier gut und ich fühle mich sicher.

Leben und arbeiten in der Stadt

Ich sitze am Balkon unseres Appartements, dass ich mit einer Kanadierin teile, Sarah-Maude. Und ich bin froh, dass sich Wolken vor die Sonne geschoben haben, ansonsten wird es doch ziemlich heiß hier in Medellín, der Stadt des ewigen Frühlings. Sarah-Maude und ich sind Teil einer 8-köpfigen-Gruppe, die sich mit „beunsettled“ einen Monat Auszeit genommen haben. Wir wollen hier gemeinsam an unseren Zielen arbeiten und darauf fokussieren, was uns wirklich wichtig ist im Leben – und nebenbei jede Menge Spaß und Abenteuer erleben. Die meisten arbeiten täglich einige Stunden remote, das heißt, sie machen Home office, nur eben nicht vor Ort, sondern am anderen Ende der Welt – was ja dank Internet heutzutage perfekt funktioniert. Es gibt tolle so genannte Co-Working-Spaces, offene Büros, wo man mit gutem WLAN und in Ruhe (mit Kopfhörern im Ohr) arbeiten kann. Wir anderen wollen rausfinden, ob diese Art des Arbeitens auch was für uns wäre und wo es uns hinzieht, nach Hause, auf die Reise oder vielleicht auch nur zurück zur gewohnten Routine. Be unsettled bedeutet für uns vier Wochen lang voneinander lernen und den Horizont erweitern, neue Kulturen und Sichtweisen erleben und reflektieren.

Medellìn liegt auf rund 1.500 Meter und ich dachte, geh, das ist ja nicht so schlimm, ich bin ja meine Rax gewöhnt. Doch in Kombination mit der Zeitverschiebung (hier sind wir 6 Stunden hinter Österreich) geht das ganze schon ein bisserl an die Substanz. Das beste, was man tun kann: Trinken (Wasser!), Bewegung, Sport und genügend Schlaf. Und sich treiben lassen vom Zeitgeist hier. Alle scheinen irgendwie unterwegs zu sein, es stinkt nach Diesel und es ist laut. Viele Mopeds und Motorräder, mutige Radfahrer, alte LKW, Busse, dazwischen Fußgängerinnen, mich wunderts, dass ich noch nicht Zeugin eines Unfalls wurde. Aber, und das finde ich interessant, viele Autos, die ich gesehe habe, sind zwar sehr alt, aber nicht verbeult. Verbeulte Autos habe ich in Italien viel öfter gesehen.

Feria de las Flores: Paraden und Feste

Ich genieße jeden Morgen, wissend: Kein Bürotermin wartet und ich kann mir Zeit lassen und einfach am Balkon sitzen mit gutem kolumbianischen Kaffee aus der Filtermaschine und schauen. Das Panorama hier ist Inspiration und Meditation in einem. Die Stadt liegt im Aburrá-Tal, geschützt von grünen Bergen. Die Hochhäuser um mich herum hier im Bezirk Poblado laden ein, die Balkone und Fenster zu inspizieren und zu schauen, was sich so tut im Leben der Medellíner.

Es ist die Zeit der Feria de las Flores. Ein großes Festival, das über zehn Tage geht und den Blumen gewidmet ist. Es finden jede Menge Feste, Konzerte, Ausstellungen, Paraden und Feiern in der ganzen Stadt statt, die rund zwei Millionen Einwohnerinnen hat.

Wir hatten vorgestern die Gelegenheit eine dieser Paraden zu sehen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, Blumen wohl. Nun, die Fahrzeuge waren zwar zum Teil mit Blumen geschmückt, aber eigentlich ist es mehr ein bunter Umzug, den die Teilnehmenden und die Zuseherinnen feiern. Alle Arten von Fahrzeugen defilieren entlang der Tribünen, die auch überschattet sind. Wir haben für 20.000 Pesos einen Sitzplatz ergattert, das sind rund 5 Euro umgerechnet. Wie in einem Fußballstadion kann man Bier, Wasser und Snacks kaufen und die Show genießen. Spannend fand ich, dass die Parade mit einer Formation der Polizei gestartet wurde, fette Motorräder, am Sozius standen weibliche Polizistinnen aufrecht und freihändig und es sah ganz schön akrobatisch aus. Ich bekam Gänsehaut, als die ersten Formationen auftauchten und alle auf unserer Tribüne anfingen zu klatschen und vor Begeisterung zu singen und zu schreien. Eine Stimmung, die einen mitreißt, aus allen Lautsprechern lateinamerikanische Rhythmen, bei denen sowieso nur ganz wenige ruhig sitzen bleiben können. Die Teilnehmerinnen des Umzugs strahlen und ich selbst begann unweigerlich auch zu strahlen und zu lächeln und zu winken und zu johlen.

Kleine Notiz an mich: Das sollten wir daheim mal als Happiness-Workshop versuchen, sich gegenseitig anzulächeln – wirkt.

Beeindruckt hat mich eine Formation mit Vespas, die Beifahrer am Sozius hielten Portraits von Männern in Uniform hoch, versehen mit Jahreszahlen, offensichtlich Geburts- und Todesdaten. Auch diese Gruppe ließ sich feiern. Sie erinnerte wohl an Menschen, die für diese Stadt gestorben sind, ich interpretiere jetzt mal wild drauf los – für Gerechtigkeit und eine bessere Zukunft. Meine Tribüne zeigte Dankbarkeit für deren Einsatz mit lautem Beifall und Gejohle.

Abenteuer am Berg: zu Besuch bei den Blumenbauern in Santa Elena

Ein Abenteuer, das wir der Feria de las Flores – und Alejandro von „unsettled“ verdanken, war unser Besuch bei den Blumen-Bauern in Santa Elena am Mittwoch. Santa Elena liegt außerhalb der Stadt auf einem Berg. 45 Minuten mit einem öffentlichen Bus steil hinauf, begleitet von einer atemberaubenden Aussicht, Medellín zu unseren Füßen. Das hat uns zudem von der abenteuerlichen Fahrweise abgelenkt. Dann noch einmal umsteigen und mit einem Auto zehn Minuten über enge, kurvige Straßen zum Bauernhof unserer Wahl. Musik empfängt uns, wie überall, viele Menschen und ein älteres Pärchen tanzt – mitten auf der Straße, Autos und Mopeds stoppen, die Fahrer warten geduldig, filmen mit ihren Handys.

Von unten gesehen glaubt man ja nicht, dass da oben etwas anderes ist außer Wald und Gegend. Weit gefehlt. Eine hügelige, waldige Landschaft mit vielen Bauernhöfen und unzähligen Essensständen, wo man alles mögliche bekommt, zu 60 Prozent frittiert, zu 30 Prozent am offenen Griller und zu 10 Prozent frische Früchte. Es hatte etwas von einem Ausflug aufs Land, den viele Medellíner und natürlich auch Touristen an diesem Feiertag machten. Verlgeichbar vielleicht mit einem Sonntag in der Wachau, essen gehen, spazieren und vielleicht das eine oder andere Glas Wein zu viel verkosten.

Wir bewunderten die bunten Blumengärten und freuten uns, wenn wir welche erkannten, die es auch bei uns daheim gibt. Wir sahen zu, wie die Silletas gemacht werden. Das sind große Bilder auf runden Holzplatten, aus abertausenden kleinen Blüten, die mit Heißluftkleber befestigt werden, richtige Kunstwerke. Wir durften sogar mithelfen und das Blütenkleben ausprobieren. Die prächtigen Silletas werden auf Holzgestellen bei den großen Paraden während der Feria de las Flores von den Bäuerinnen und Bauern, den so genannten Silleteros, am Rücken getragen.

Pura Vida

Ausklingen ließen wir den Tag im Kumini, einem kleinen Bistro-Cafe in Santa Elena, das uns mit viel Herzenswärme überraschte. Eine kleine, beheizte Holzhütte, liebevoll eingerichtet und supergemütlich. Wir tranken Glühwein (Vino Caliente, absolute Empfehlung!) und aßen Empanadas und kosteten uns durch die Torten. Falls ihr mal in die Gegend kommt, dort müsst ihr unbedingt hin. Und wieder konnten wir uns auf die Hilfsbereitschaft verlassen. Um nicht den letzten Bus ins Tal zu verpassen, wurden wir von einem Einheimischen mit seinem Auto zur Busstation gebracht. Die Busfahrt selbst war dann ein Erlebnis für sich: Wir erwischten den wirklich allerletzten Bus und mussten die ganze Fahrt über stehen, er voll gepackt mit Medellínerinnen, die ihren Feiertag feuchtfröhlich und singend ausklingen ließen. Und wir mittendrin. Pura Vida.

Bevor es weitergeht, noch eine kurze Info:

Feria de las Flores gibt es übrigens bereits seit 1957, anfangs noch ein paar Tage im Mai hat es sich zu einem 10-Tage-Riesenfestival entwickelt. Einer der Höhepunkte ist die große Parade der Silleteros zu der rund eine Million Besucherinnen erwartet werden. Der Umzug findet nächsten Sonntag statt und wir werden ihn leider versäumen. Dafür erwartet uns ein Wochenende am Land, bei Kaffeebauern.

Hasta luego amigos!